Verfahren zur Berücksichtigung der Rohrwärmeabgabe nach VDI 2077

Beiblatt © Verein Deutscher Ingenieure, Düsseldorf 2009

Durch elektronische Heizkostenverteiler wird systembedingt nicht die gesamte verbrauchte Primärenergie für Heizung einer Liegenschaft erfasst. Die VDI spricht hier vom „Verbrauchswärmeanteil“, auch bekannt als „Erfassungsrate“. Heizkostenverteiler werden am Heizkörper montiert und erfassen nur die dort abgegebene Wärme. Wärme, die von gar nicht oder schlecht gedämmten Rohrleitungen abgegeben wird, wird somit nicht gemessen. Dies gilt aber auch für alle Verluste in der Wärmeerzeugung und der Umwandlung, die analog auch bei einer Zweirohrheizung auftreten. Bei einer Einrohrheizung werden alle Heizkörper eines Strangs nur über ein Rohr versorgt. Das Heizmedium wird nach den Passieren des ersten Heizkörpers zum Nächsten geführt und erst am Ende des Stranges zurück zum Wärmerzeuger. Deshalb muss das Heizungswasser je nach Auslegung der Anlage ständig mit hoher Temperatur zirkulieren, z.B. auch wenn keines der Thermostatventile geöffnet hat. Wenn die Rohrleitungen nur unzureichend gedämmt sind, stammt ein erheblicher Anteil der Wärme einer Wohnung vom Rohrsystem. Diese Wärme trägt zur Versorgung des Gebäudes wesentlich bei, kann aber nicht gemessen werden.

Der beschriebene Sachverhalt ist kein außergewöhnliches Phänomen und tritt häufiger sowohl in Objekten mit senkrechten als auch waagerechten (d.h. innerhalb der Wohneinheit im Estrich verlegten) Einrohrheizungen auf. Nennenswerte Rohrwärmeabgabe kann jedoch auch bei Zweirohrheizungen entstehen, wenn Heizleitungen in beheizbaren Räumen unzureichend gedämmt sind und die Betriebsbedingungen ungünstig sind. Probleme treten dann auf, wenn eine Mehrheit der Nutzer im Wesentlichen mit der Rohrwärme leben können (d. h. keine oder nur geringe Verbrauchswerte), andere Nutzer lagebedingt oder mit höherem Wärmebedarf Ihre Heizkörper aber betreiben (höhere Verbrauchswerte). Dies bedeutet, ein Teil der Nutzer profitiert stark von der Wärme, die über die Rohrleitungen abgegeben wird ohne entsprechende Anzeigen der EHKV (elektronische Heizkostenverteiler). Die übrigen Nutzer tragen allerdings diese Kosten über einen hohen Preis je gemessener Verbrauchseinheit mit. Problematisch wird dies immer dann, wenn der Anteil der Rohrwärme wesentlich ist. Unklar war vor der VDI 2077, wann dies der Fall und wie zu verfahren ist.

Die bis 2009 gültige Heizkostenverordnung (HeizkVO) bot keinerlei Basis für die Behandlung der Erscheinung. Seit 2002 haben sich Gerichte mehrfach mit der Problematik beschäftigt und sind zu teilweise konträren Entscheidungen in ähnlich gelagerten Fällen gelangt. Durch den Verein Deutscher Ingenieure (VDI) wurde ein Verfahren entwickelt, um in solchen Fällen die Heizkosten gerechter verteilen zu können. Seit dem 01.03.2009 gibt das „Beiblatt Rohrwärme zur VDI 2077“ den sachlichen Rahmen zur Behandlung dieser Problematik. Die ab 01.01.2009 gültige, novellierte HeizkVO gibt im § 7 Abs. (1) Satz 3 die rechtliche Ermächtigung zur Anwendung des VDI-Verfahrens.

Das Verfahren wurde seitdem in tausenden Wohneinheiten, vorrangig in sogenannten „DDR-Wohnblöcken“ angewendet. Die VDI bietet einen Kriterienkatalog auf der Basis der Kennwerte mit dem die Problematik in jedem Objekt bewertet wird und gibt eine Korrekturempfehlung. Die Entscheidung, ob diese angewendet werden soll, liegt allerdings beim jeweiligen Eigentümer einer Liegenschaft. Der Messdienst kann das Verfahren nur nach entsprechendem Auftrag anwenden. Das Verfahren wurde im Jahre 2018 überarbeitet und im Blatt 3.5 der Richtlinienreihe VDI 2077 neu gefasst. Dabei hat sich das Grundprinzip der Beurteilung als auch das Korrekturverfahren auf der Basis des Rohrwärmeanteiles nicht geändert. Lediglich die weiteren Kriterien zur Beurteilung, ob eine Anlage kritisch und damit die Abrechnung korrekturwürdig ist, wurden teilweise überarbeitet.

Im aktuellen Blatt 3.5 werden letztlich 3 Kriterien zur Beurteilung einer Heizkostenabrechnung aufgestellt. Erst wenn alle 3 Kriterien erfüllt sind, wird ein wesentlicher Rohrwärmefall erkannt und eine Korrektur empfohlen. Die Berechnungen sind anspruchsvoll und können nur anhand der Verbrauchsdaten aller Nutzer erfolgen.

ROHMA scannt ab sofort alle Abrechnungen und wird die Eigentümer im Verdachtsfall sofort informieren. Damit kann die notwendige Entscheidung noch vor Abschluss der Abrechnung getroffen werden. Neben den abrechnungstechnischen Empfehlungen sind im Beiblatt zur VDI 2077 auch heizungsseitige Optimierungsmaßnahmen dokumentiert. Durch einfache Maßnahmen, wie

  • Verbesserung der Isolation des Rohrnetzes,
  • Einsatz von elektrisch geregelten Pumpen,
  • hydraulischem Abgleich und
  • Absenkung der Vorlauftemperaturen

lassen sich Potentiale zur Verminderung der Rohrwärmeabgabe und damit zum Einsparen von Energie und Heizkosten erzielen. ROHMA bietet Ihnen diesbezüglich gern kompetente Beratung an! Der sofortige Einbau eines Wärmezählers zur Messung der Energie für die Warmwasseraufbereitung bringt eine Verbesserung der Nachvollziehbarkeit der Energiebilanz und der Verbrauchswärmeanteil verändert sich häufig in Richtung „unkritische“ Werte.

Der sogenannte Boilerwärmezähler ist im Übrigen mit einer Übergangsfrist bis zum 01.01.2013 gesetzlich durch die HKVO vorgeschrieben.

Jeder Nutzer bekommt zusätzliche Verbrauchseinheiten für die vorher berechnete Rohrwärmemenge der Liegenschaft entsprechend seiner Heizfläche zugewiesen. Diese werden in der Heizkostenabrechnung in Form eines „Rohrwärmeheizkörpers“ ausgewiesen. Da die Gesamtsumme der Verbrauchseinheiten steigt, sinken die Kosten pro gemessene Verbrauchseinheit auf ein normales Maß. Für das gesamte Gebäude bleiben die Heizkosten jedoch gleich.

Das Rohrwärmekorrekturverfahren nach VDI 2077 stellt somit sicher, dass die erzeugte Wärme in dem betroffenen Gebäude gerechter nach tatsächlicher Nutzung verteilt wird. Bei Vorliegen eines niedrigen Verbrauchswärmeanteils ist es gemäß VDI 2077 sinnvoll, auch wenn die Kriterien der VDI nicht erreicht werden, den Abrechnungsschlüssel 50/50 zu verwenden. Lt. § 6 Abs. 4 der „Neuen HeizkVO“ hat der Eigentümer nunmehr die Möglichkeit den Abrechnungsmaßstab für zukünftige Abrechnungszeiträume zu ändern, wenn sachgerechte Gründe dies erfordern.

Die Nutzer, die bisher deshalb einen niedrigen Verbrauch am Heizkostenverteiler verzeichnet haben, weil sie von der Nichterfassung der Rohrwärmeabgabe profitiert haben, werden an der Rohrwärmeabgabe stärker beteiligt und müssen etwas höhere Heizkosten zahlen. Nutzer mit einem höheren erfassten Verbrauch, die potentiell weniger von der Rohrwärmeabgabe profitiert haben, werden dagegen entlastet. Der Mieterbund fordert die Anwendung des Verfahrens im Interesse einer gerechteren Heizkostenabrechnung ausdrücklich.